"Ich bin nicht immer meiner Meinung."
Paul Valéry


Donnerstag, 19. Januar 2017

Nur nicht verzagen



Der Mensch braucht Rituale. Zäsuren. Den Glauben an einen Neuanfang. Die Feier des neuen Jahres, in dem alles anders wird. Besser. Man kann es sich ja wenigstens vornehmen, oder? Die Hoffnung stirbt zuletzt!

Natürlich weiß der Mensch, der schon seit ein paar Jahrzehnten das jeweils neue Jahr begrüßt hat, dass sich mit großer Wahrscheinlichkeit gar nichts ändern wird, außer dem üblichen: der Winter macht, was er will. Gute Aussichten bietet das Frühjahr. Es wird auch in diesem Jahr Sommer! Und wenn der Herbst kommt, könnte es ein gutes Weinjahr geben.

Menschen verlieben sich, Kinder werden geboren, die Alten sterben nach einem erfüllten Leben, die Zahl der Verkehrstoten sinkt auch weiterhin, ebenso die Kriminalitätsraten derjenigen, die schon länger hier leben.

Mir persönlich würde das eigentlich schon reichen, man sollte seine Ansprüche nicht zu hoch schrauben. Auch nicht die an die Politik. Doch warum so kleinlich? Warum sollte nicht auch da alles anders, ja womöglich sogar besser werden?

Die guten Nachrichten zuerst: an den Grenzen des Schengenraums, aber auch innerhalb, wird überprüft, wer kommen will und wer bleiben darf. Asyl in Deutschland erhält, wer persönlich verfolgt wird. Frauen mit Kindern aus Bürgerkriegsgebieten wird Schutz gewährt, ebenso verfolgten Homosexuellen und Christen. Polizeilich bekannte „Intensivtäter“, die illegal eingewandert sind, werden in Abschiebehaft genommen. Den Ländern, aus denen sie kommen und die sie nicht wiederaufnehmen wollen, wird jede wie auch immer geartete Unterstützung entzogen.

Das Problem mit den „Nafris“, den nordafrikanischen Intensivtätern, kennen wir schon länger, zur Entlastung unserer Regierung: es hat mal nichts mit den folgenschweren Entscheidungen vom September 2015 zu tun. Höchstens mit einem Asylgesetz, das jeden, der das Wort aussprechen kann, unter eine schützende Glocke stellt. Doch auch das kann geändert werden, so ein Parlament das will.

Das seien einfache Lösungen für komplizierte Probleme? Ach was. Es braucht dazu nur eines: den politischen Willen. Den hat die Kanzlerin in der Vergangenheit mehrfach unter Beweis gestellt. Wir wissen seit der Euro“rettung“, der Energie“wende“ und der Politik der offenen Arme im September 2015, dass man alle rechtlichen und anderen Komplikationen umstandslos umschiffen kann, wenn man nur will.

Insofern: wir schaffen das.

Und wenn wir das geschafft haben, wird 2017 von Heiterkeit und Menschenliebe geprägt sein. Das Land kann sich endlich wieder anderen Problemen zuwenden, zum Beispiel dem, wie man die weitgehend nutzlosen Windkraftanlagen wieder aus der Landschaft entfernt.

Klar, Zyniker, Rechthaber, Realisten und andere negative Kräfte werden jetzt kommen und miesepetrig ihre Einwände vorbringen. Die üblichen Schwarzmaler werden vorausschauend 2017 für ein Jahr größten Missfallens erklären, denn, richtig:  es ist ein Wahljahr. Am 26. März geht es los mit den Landtagswahlen im Saarland, es folgt Schleswig-Holstein am 7. Mai, eine Woche später ist Nordrhein-Westfalen dran und am 17. September wird zur Bundestagswahl geblasen.

Wenn Wahlkampf ist, hat kein Politiker mehr Zeit für Politik, es muss ja dem Volke beigebogen erklärt werden, wie es richtig wählt. Außerdem müssen die lässlichen Wahlkampfversprechen von den schlimmen falschen Meinungen Meldungen unterschieden werden, was nicht ganz einfach sein dürfte. Kurz: man erwarte von 2017 nichts, nur das übliche Geholze und Gebolze, vielleicht noch ein wenig verschärft angesichts der Inthronisation von Donald Trump als Präsident der USA und eines möglichen Wahlerfolgs von Marine Le Pen im April in Frankreich.

Ganz schlimme Zyniker schlagen als wirkungsvolles Mittel gegen alldas eine kostensparende Lösung vor: das Wählen einfach abzuschaffen. Dann gäbe es auch keinen Wahlkampf mehr und keine „Destabilisierung“ durch falsche Versprechen Meinungen, denn wenn niemand mehr einen Vorteil davon hat, kann gelogen werden, dass sich die Balken biegen, das wäre ebenso egal wie die Wahrheit. Vor allem aber könnte die Regierung ohne Wahlen einfach weiter regieren mit ruhiger Hand, weiter und weiter und weiter, völlig ungestört von Störern Regierungskritikern, Pack, Pöbel und Volk.

Sollen sich die Zyniker durchsetzen? Oder gewinnen die Beharrungskräfte, die den negativen Kräften auch im neuen Jahr Zuversicht entgegenhalten? Die trotzig daran glauben: Ja, man kann alles ändern! Wenn man nur will. Manchmal hilft dabei sogar der Wahlzettel.

Zuerst: wiwo online, 2. Januar 2017

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Zum Nachhören

"Zwischentöne" ist eine großartige Sendung - eineinhalb Stunden sind einer Person und ihrer Musik gewidmet. Ich habe, ich gebe es zu, überwiegend Nostalgisches ausgewählt. Hier ein Mitschnitt des Gesprächs mit Joaschim Scholl am 20. November 2016 im Deutschlandfunk, ohne Musik, aber mit viel Vita.

http://www.deutschlandfunk.de/musik-und-fragen-zur-person-die-schriftstellerin-und.1782.de.html?dram:article_id=368474

oder
http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2016/11/20/zwischentoene_mit_cora_stephan_vom_20112016_mit_musik_dlf_20161120_1330_03d7e99e.mp3

Montag, 26. Dezember 2016

Freut euch! Wahlkampf 2017 ohne falsche Versprechen!


Es gibt Momente, wenn auch wenige, in denen selbst ich vollinhaltlich einverstanden bin mit meiner Regierung. Das betrifft derzeit vor allem den Kampf gegen „fake news“. Nichts könnte wichtiger sein im Wahljahr 2017, als entschieden gegen alles vorzugehen, was nicht der Wahrheit entspricht, sie höchstens streift, sie weglässt oder verfälscht oder ihr gar widerspricht.

Merke: So etwas tut nur der Russe!

Als vertrauensbildende Maßnahme und um Missverständnisse zu vermeiden, sollten also undifferenzierte und verkürzende Parolen wie „Die Rente ist sicher“, „Das kostet nur so viel wie eine Kugel Eis“, „Das WIR entscheidet“ oder dergleichen künftig wegfallen. Im Sinne der Wahrheit ist auch von Wahlversprechen Abstand zu nehmen.

Die Wahrscheinlichkeit ist verschwindend gering, dass sie nach der Wahl umgesetzt werden, sie würden also knallhart unter „fake news“ fallen. „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“, wusste schon Adenauer und sein Enkel Müntefering assistierte einst: „Wir werden alsKoalition an dem gemessen, was in Wahlkämpfen gesagt worden ist. Das istunfair.“

Also besser das Maul halten!

Fairness ist nur garantiert, wenn man in Wahlkämpfen möglichst wenig sagt. Das reduziert die Gefahr erheblich, in Wahlkampfpropaganda zu verfallen und vermeidet Luftverschmutzung durch üble Rede und Nachrede. Wir, die wir schon länger hier leben, wären dafür wahrscheinlich sogar mehrheitlich dankbar, stets sitzt uns die Angst in den Knochen, bei einem unbedachten Wort als „Pöbel“, „Pack“ oder „Mob“ beschimpft zu werden. Das ist mindestens so peinlich wie mit einem falschen Nummernschilderwischt zu werden. Für Hamburger Autobesitzer waren die letzten Wochen echt schlimm - und erst für Käufer bei ihrem liebsten Supermarkt!

Da kommt viel Arbeit auf Heiko Maas zu, der sich nun auf die Suche nach einer Wahrheitsfindungskommission machen muss. Es ist wahrlich keine leichte Aufgabe, die falschen oder gefälschten von den waschecht richtigen Nachrichten zu unterscheiden. Manchmal sind ja die gefühlten Nachrichten viel wahrer und wahrhaftiger als die wirklich wahren Nachrichten. Erinnern wir uns an das schreckliche Seebeben in Japan, gefolgt von einem Tsunami, mit geschätzten 20 000 Toten. In Deutschland fühlte man das  als „Reaktorkatastrophe in Fukushima“ und schaltete hiesige Atomkraftwerke aus, denn noch nie waren uns Seebeben und Tsunami in ca. 9000 Kilometern Entfernung (Luftlinie) so nah wie im Frühjahr 2011. Ein Schelm, wer dabei an die bevorstehende Landtagswahl in Baden-Württemberg dachte.

Die Sache ist komplex. Wer behauptet, dass sich unter den Tausenden von einwanderungswilligen Menschen im Spätsommer 2015 auch Terroristen und Verbrecher befunden haben dürften, kann schon deshalb nicht die Wahrheit gesagt haben, weil man bis heute nicht weiß, wer genau gekommen und wo er abgeblieben ist. Die Behauptung, dass überwiegend hochqualifizierte Facharbeiter, Zahnärzte oder Handchirurgen ankämen, hat sich als kurzfristige Wahrnehmungsstörung erwiesen, fällt also nicht unter fake news.

Nun ist ja nicht immer klar, woher die Falschnachrichten gerade kommen, es ist durchaus nicht nur der Russe, der unverfroren lügt. Ich weiß jetzt nicht mehr, wer genau im Spätsommer 2015 ständig behauptet hat, dass die Menschen, die nach Deutschland strömten, allesamt Frauen mit großäugigen Kindern sind. Seit neustem aber habe ich einen Verdacht: die Meldung stammte womöglich aus Griechenland, wo man offenbar davon ablenken wollte, dass auch die von der Tsipras-Regierung per Amnestie aus den Gefängnissen entlassenen Kriminellen und Gewalttäter ins Gelobte Land flüchteten – so wie der mutmaßliche Mörder von Maria L. in Freiburg.


Schon gut. Scherz beiseite.
Der Kampf gegen „fake news“, den die Regierung vollmundig verkündet, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Propaganda (ein alter Name für Lügen und Verdrehungen) gibt es seit Olims Zeiten, sie war schon immer ein beliebtes Mittel der Diplomatie, erst recht in Kriegszeiten. In dreißigjährigen Krieg etwa warben die gegnerischen Parteien mit um die 10.000 Flugschriften für ihre jeweilige durchaus einseitige Sicht der Dinge.

Propaganda kann man nicht verbieten, man kann sie lediglich zu durchschauen versuchen.

Auch wenn es Mühe macht, die öffentlichen Arbeitslosenzahlen auf ihren Frisör hin zu durchflöhen oder die Polizeistatistiken als das zu verstehen, was sie sind: Auskunfteien über die Arbeit der Polizei, nicht der Kriminellen: es ist möglich, die Spreu vom Weizen zu trennen, auch da, wo es nur um Verschleierung oder Verfälschung der Wahrheit geht und nicht gleich um die glatte Lüge.

Ausgerechnet der Ort, an dem Politiker die Gerüchteküche, also die Quelle des Übels vermuten, das Internet in allgemeinen oder social media wie etwa Facebook im besonderen, bietet zugleich ein bemerkenswert gut funktionierendes Instrument der Korrektur. Es gibt keine Regierungsgeheimnisse mehr, kein Herrschaftswissen der Offiziellen und Offiziösen, kein Meinungsmonopol der herkömmlichen Medien. Auch wer etwa auf Facebook in einer „Filterblase“ lebt, ist womöglich besser informiert als jemand, der täglich seine Zeitung liest und sich die Tagesschau zumutet. Ohne diese „Gegenöffentlichkeit“ bliebe vieles unter der Decke, unter anderem die Geschehnisse von Silvester 2015/16.

Hat sich die Regierung beraten lassen? Und wenn ja - hat niemand davon abgeraten, den Weg zum „Wahrheitsministerium“ weiter zu gehen? Zu oft ist in den letzten Jahren von offizieller Seite die Wahrheit gebeugt, verschleiert, verborgen oder auf andere Weise verletzt worden.

Ein Bumerang ist ein Wurfinstrument, das zum Werfenden zurückkehrt.

Zuerst erschienen: wirtschaftswoche online




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Dienstag, 29. November 2016

Ichichich. Der Selfiejournalismus

Sie ist noch gar nicht solange her, die Zeit, als Ichsagen als unhöflich galt. Vorbei: die Politik in der ersten Person, in den 70er Jahren erfunden, hat sich mittlerweile in Politik und Medien breit gemacht. Wer aus dem eigenen Inneren schöpft, gilt als authentisch. Den Politiker soll das Persönliche und Private zum Sympathieträger machen, dem Journalisten erspart es harte Arbeit – denn wenn man sich selbst zum Gegenstand der Beobachtung machen kann, fällt aufwendige Recherche flach. Selbermachen führt zur Erkenntnis: Wer wissen will, wie es sich unter dem Ganzkörperschleier lebt, zieht sich einen an und versucht es mit Spaghettiessen. Der Leser lebt und leidet mit.

Selfiejournalismus kann durchaus unterhaltsam sein. Weniger lustig wird’s, wenn das vermeintlich Authentische auch gleich noch als exemplarisch gilt.

Das Phänomen ist nicht neu: beim „Spiegel“ etwa heißt ein Artikel treffenderweise „Geschichte“, die am besten mit einem Einzelschicksal beginnt, das man dann aufs Große Ganze hochrechnet. Nun, ein subjektiv schweres Schicksal mag man bedauern, aber dass es fürs Ganze steht, müsste eine saubere Recherche erst beweisen.

Genau da beginnt das Problem. Die Vorstellung, dass das, was das Ich erlebt, universal und umstandslos verallgemeinerbar sei, verdirbt nicht nur das klassische journalistische Geschäft, in dem streng zwischen verallgemeinerbaren Fakten und subjektivem Befinden  unterschieden wurde, es schadet auch dem politischen Diskurs.

Arbeitsministerin Andrea Nahles etwa erzählt vom Vater und dem kleinen Dorf in der Eifel, wenn sie ihre Rentenpolitik begründen soll. Papi ist also der Maßstab für alle Menschen in der Bundesrepublik und die Eifel ist die Welt. Ähnlich Familienministerin Manuela Schwesig, die einen Schlosser zum Vater und einen Polizisten zum Neffen hat. Mit derart weitem Erfahrungshorizont wird man natürlich zu einem jener Experten, wie sie Plenarsäle und Talkshowrunden bevölkern. 

Experten, die aus der eigenen Biografie schöpfen und sich auf das verlassen, was sie „Bauchgefühl“ nennen, etwas, das ihnen sagt, was gut und richtig ist. Selbst die sonst eher nüchterne Bundeskanzlerin bekannte sich kürzlich zu einem „absolut sicheren Gefühl“, in der fälschlichen Annahme, wir lebten in postfaktischen Zeiten und die Menschen verstünden nur noch das, was nicht ihren Verstand anspricht, sondern geradewegs aufs Herz zielt.

Das alles könnte ein Irrtum sein. Wer die Kommentare in den Onlineausgaben der Zeitungen liest, hat nicht den Eindruck, dass die ja offenkundig politisch Interessierten, die sich dort zu Wort melden, Nachrichten vom Ich und Appelle ans Herz vermissen. Eher bemängeln sie, dass man ihnen klare Angaben zur Lage vorenthält. Sie fordern Sachdienliches, nicht Gefühlvolles.

Politik, so glauben ihre Kommunikatoren heute, braucht eine Erzählung. Ein Gefühl. Etwas, das betroffen macht. Alles, nur keine kalten Fakten oder soetwas Brutales wie die Wirklichkeit. Politik ist heute ein einziger großer Roman namens „Der Alte aus der Eifel.“ Das, in der Tat, ist postfaktisch. Das mag authentisch sein, vertrauensbildend ist es nicht.

Sie hat es einst treffend gesagt, Ingeborg Bachmann: Die Wahrheit ist den Menschen zuzumuten. Die aber ist mit subjektiver Befindlichkeit nicht zu verwechseln.

Samstag, 26. November 2016

Konrads Erben allein zuhause

Ich gehöre laut Angela Merkel zu denen, „die schon länger hier leben“. Anno dunnemals wäre ich als Deutsche angesprochen worden. Vorbei: wir leben in modernen Zeiten, sind „offen“ für alles mögliche, auch wenn „die Entwicklungen schwieriger“ geworden sind. Macht nichts: wir haben ja Angela Merkel und die Kanzlerin bleibt Kanzlerin. Jedenfalls tritt sie noch einmal an, wie sie  in einem Gespräch mit Anne Will verkündete. Warum?

Darum: Ich nütze Deutschland. Ich bin das Volk, genauso wie andere auch. Diese Fragen – da haben wir konkrete Angebote.  „Es ist dazu gekommen, dass ich es will“, sagt Angela Merkel, und das muss offenbar genügen.

Gewiss, Politikerreden sind selten spritzig und die Kanzlerin übt ihren Mutterwitz offenbar nur im Privaten aus. Recht besehen ist es ja auch eine starke Leistung, selbst auf konkrete Fragen keine Antworten zu geben. Man soll sich also nicht lustig machen.

Und doch: Auffällig an ihrer Selbstproklamation ist, wie viel dabei unter den Tisch fällt oder im Vagen bleibt. Vor allem ihre Partei, die, wenn die Kanzlerin im Ich-Modus spricht, und das tut sie oft, keine Rolle spielt, obwohl Angela Merkel ja nicht nur Kanzlerin, sondern auch CDU-Vorsitzende bleiben will.

Sofern es diese Partei in ein paar Jahren noch gibt.

Die Wähler laufen ihr in Scharen davon. Und wer öfter mal mit CDU-Mitgliedern spricht, gewinnt den Eindruck, dass die Stimmung in der CDU insgesamt katastrophal ist. Kaum einer ist mit Merkels Politik einverstanden – nicht, was ihre „Klimapolitik“ betrifft oder die sogenannte Energiewende, nicht, was ihren Kurs in Sachen EU und Euro angeht und erst recht nicht, was ihr Agieren angesichts des Migrationsdrucks (genannt Flüchtlingskrise) betrifft. Ihre letzte Blamage: niemand aus den eigenen Reihen wollte Bundespräsident von Merkels Gnaden werden. Bundestagspräsident Norbert Lammert war zum Selbstopfer nicht bereit. Nun wird’s ein Sozialdemokrat, einer, den „die Bürger wollen“, die indes in solchen Angelegenheiten nicht gefragt werden.

Dass Merkel dem Lande nützt, mag man bezweifeln. Dass sie ihrer Partei schadet, lässt sich kaum noch übersehen. Und das weiß man dort auch.

Dennoch: Ins Offene trauen sich nur wenige – solche, die nichts mehr zu verlieren haben wie Wolfgang Bosbach oder geradezu Übermutige wie Klaus-Peter Willsch. Andere hoffen auf die CSU, die allerdings nicht nur kläffen, sondern auch mal zubeißen sollte.

Standing ovations auf Parteitagen sind wohl eher das Eingeständnis eigener Hilflosigkeit: man weiß keine Alternative. Ralf Höcker, Rechtsanwalt und Autor und seit 30 Jahren Mitglied in Junger Union und CDU: „Ich kenne kein einziges CDU-Mitglied, das sich unter vier Augen für ihre Politik ausspricht. Hinter vorgehaltener Hand sagen alle das gleiche: was sie macht, ist furchtbar, aber wer soll es sonst machen?“

Höcker ist einer der Gründer von „Konrads Erben“, einer Gruppe von Altstipendiaten der Konrad-Adenauer-Stiftung, die das Erbe Konrad Adenauers „durch das Handeln der Bundesregierung, insbesondere der Bundeskanzlerin Angela Merkel, ernsthaft in Gefahr“ sehen.

Ihr am Sonntag veröffentlichtes „Rhöndorfer Manifest“ befasst sich vor allem mit einem Thema, das Angela Merkel im Gespräch mit Anne Will weiträumig umfahren hat: ihre Migrationspolitik. Die selbsternannten Erben Adenauers fordern eine deutsche und europäische Leitkultur, wollen den Import von „Kriminalität, Konflikten und Terrorgefahr“ rückgängig machen, warnen vor einer Isolation Deutschlands durch eine „antieuropäische“ deutsche Machtpolitik und kritisieren „die Verleumdung Andersdenkender durch Politik und Medien“. Das Manifest gipfelt in der Forderung an die Bundeskanzlerin, ihre Politik zu ändern oder nicht mehr zur Wahl anzutreten, denn „wir (halten) ihr politisches Handeln nach rechtlichen, demokratischen und auch ethischen Maßstäben für falsch“. 

Das ist, für CDU-Verhältnisse, einigermaßen radikal. Bislang zählt die Gruppe 200 Unterstützer, ob es mehr werden, ist unklar. Doch der Leidensdruck wird in den nächsten Wochen und Monaten wachsen. Merkels Entscheidung für eine  erneute Kanzlerkandidatur nützt im Zweifelsfall höchstens der AfD.

CDU-Mitglieder haben viel zu verlieren, auf ein halb tot gerittenes Pferd zu setzen, ist kein Erfolgskurs. Die Partei kann sich nur selbst am Schopf packen und aus dem zähen Morast ziehen. Hilfe von Angie darf sie dabei nicht erwarten.

Mit den Worten von Stefan Aust, Herausgeber der „Welt“: „Hat jemand erst einmal den Gipfel erklommen, umgeben von den Scherpas, die ihm das permanente Gefühl vermitteln, der größte Gipfelstürmer aller Zeiten zu sein, ist schon der Blick in den Abgrund für ihn der Beweis, über allem zu schweben.“ 

 



Das Volk, der große Lümmel

Ach, das Volk. Die Masse und die Mehrheit. Der Pöbel, die Plebs. Oder auch das Pack. Es wurde noch nie geliebt, weder von denen, die dazu gehören, noch von jenen, die sich darüber erheben. Das hat so seine Gründe. Der Pöbel (vom französischen «peuple») war selten eine nette Angelegenheit, vor allem dann nicht, wenn er sich wutschnaubend zusammenrottete, weshalb römische Herrscher die «plebs» mit Brot und Spielen ruhigzustellen versuchten. Denn ist das Volk erst einmal wütend, kennt es weder Mass noch Mässigung: Die mittelalterlichen Bauern, die sich gegen den ritterlichen Adel erhoben, waren unkultivierte Kerle und in der Wahl ihrer Mittel nicht gerade zimperlich. Pack halt.
Eine Zeitlang sah man das anders, damals, als grüne und rote Politiker, heute respektable Elder Statespeople, das Proletariat verehrten und vom «Sieg im Volkskrieg» schwärmten. Damals fanden es westliche Salonkommunisten noch in Ordnung, wenn sich die Arbeiterklasse das ungewaschene Maul nicht verbieten liess. Heute jault manch einer bei jedem Schimpfwort auf und nennt «Hass», was doch einst als so authentisch galt.
Nun, das Proletariat erwies sich als Enttäuschung. Kommunistische Arbeiterführer wussten, warum sie behelfsmässig die Partei zum virtuellen Gesamtproletariat erklärten – die Partei hatte der Einfachheit halber immer recht, den Rest erledigte die Armee.
Auch der «Sieg im Volkskrieg» erwies sich als Mogelpackung. Das Volk hatte nur Ärger mit dem Kampf selbsternannter Volksbewegungen gegen die selbsternannte Herrschaft. Zwischen zwei Feuern lebt es sich schlecht. Der «Sieg im Volkskrieg» schliesslich brachte auch nur jene an die Macht, deren Legitimation auf ihren Gewehrläufen beruhte. Das Volk hatte nicht die Wahl, und wenn, dann zwischen zwei ähnlich grossen Übeln.
Das Volk hat seine einstigen Verehrer enttäuscht. Jedenfalls schimpfen sie derzeit wie die Rohrspatzen auf den Pöbel und das Pack, auf die dummen Lümmels, die den Rattenfängern hinterherlaufen, kurz: nicht das tun, was die derzeitigen Machtverwalter für richtig halten. Dass sie in Frankreich Marine Le Pen ihre Stimme geben, in Grossbritannien für den Brexit votierten, in Deutschland der AfD einen kometenhaften Aufstieg verschaffen, in der Schweiz die SVP wählen und nun auch noch in den USA einen Fernsehstar zum Präsidenten gekürt haben – das alles verzeiht seine Elite dem Volk nicht, nein, niemals.
Klug ist das Schimpfen auf den blöden Pöbel nicht. Wahlen sind, worauf Jürgen Kaube in der «FAZ» kürzlich hinwies, kein Intelligenztest. Vor allem aber: Wer Wahlen gewinnen will, braucht Mehrheiten und sollte Wähler anderer Parteien abwerben und nicht beschimpfen.
Den politischen und medialen Eliten aber, sofern sie nicht gleich das Wort «Volk» als völkisch in Acht und Bann tun, scheint selbst der Begriff der «Mehrheit» abhanden gekommen zu sein; ebenso die Vorstellung, etwas, das mehrheitlich verbreitet ist, könne «normal» sein. «Normal» gilt in gewissen Kreisen nachgerade als präfaschistisch und «Mehrheit» als verdächtig. Vor allem links, wo einst das Herz fürs Proletariat schlug. Dort wendet man sich seit einigen Jahren neuen «revolutionären Subjekten» zu, jenen Minderheiten, deren Identität sich zur Anklage gegen die Suprematie der «alten weissen Männer» und ihre angeblich willfährigen Frauen eignet.
Der Angriff auf die Normalos gipfelt in der Idee, Heterosexualität – immerhin eine Eigenschaft von rund 95 Prozent der Bevölkerung – sei keineswegs normal, sondern eine blosse, willkürlich gesetzte Norm. Als der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, das Selbstverständliche aussprach – nämlich, dass «die klassische Ehe die bevorzugte Lebensform der meisten Menschen» sei, und dies mit jenem Satz garnierte, mit dem einst ein Berliner Bürgermeister sich als schwul «outete» («...und das ist auch gut so»), erntete er vehemente Kritik vor allem aus den eigenen Reihen.
Nun, ich für meinen Teil möchte weder von einer Mehrheit noch von einer Minderheit unterdrückt werden. Ich halte sexuelle Orientierung und religiöse Ansichten für Privatsache – genau das ist meiner Ansicht nach eine respektvolle Haltung. Es stört mich, nach meiner Hautfarbe kategorisiert zu werden. Und ich fühle mich mitnichten an allen Übeln dieser Welt schuldig. Mit solchen Ansichten steht man in der Medienlandschaft ziemlich einsam da – nicht aber in der Gesellschaft.
Die Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten hat, was immer daraus noch folgen mag, zumindest eines bewirkt: Manch einer in den Medien stellt die selbstkritische Frage, ob nicht der Wunsch Vater des Gedankens war, der grossmäulige Populist Trump könne es niemals zum mächtigsten Mann der Welt bringen. Hat der Journalismus sich mit dieser und anderen Fehleinschätzungen selbst abgeschafft? War man elitär, hat man in einer eigenen Blase gelebt, hat man nicht mehr mitbekommen, was die da draussen im Land denken, hat man auch hierzulande «das Volk» allzu sehr seine Verachtung spüren lassen und es damit den Populisten in die Arme getrieben?
Manch einer erinnert sich wieder an die alte Empathie für die «kleinen Leute», für alle, die es schwer haben im Leben, die Zurückgesetzten und Abgehängten, einst Vorzugsobjekt all der Kümmerer in den linken Parteien, und meint verständnisvoll, die Verdammten dieser Erde hätten eben ihre Frustration in Wählerstimmen umgesetzt. Das hört sich nett an und ist doch ebenfalls von stiller Verachtung geprägt. Denn weder bei den Wählern Trumps noch bei anderen Wählern populistischer Parteien ist die so liebevoll «white trash» getaufte Unterklasse überproportional vertreten.
Schon eher geht es um einen Aufstand der Provinz gegen eine selbsternannte städtische Avantgarde, die in ihren vollklimatisierten Gehäusen den Kontakt zur rauen Außenwelt verloren hat. Und, das tut manch einem besonders weh: Sogar Frauen haben Donald Trump gewählt – nicht nur kuchenbackende Hausfrauen, auch welche mit College-Abschluss und «ordentlichem» Beruf. Alles Masochistinnen? Oder schlichtweg denkende Menschen, denen Frausein als politische Aussage nicht ausreicht? Die Republikaner haben sich mit Donald Trump auch deshalb durchgesetzt, weil den Demokraten niemand anderes als Hillary Clinton einfiel, deren Kompetenz man auch in außenpolitischen Dingen anzweifeln mag.
Das «Volk» in Europa und in den USA ist schon lange nicht mehr jene Masse, zu der man sich empathisch herabbeugt oder die man mit Brot und Spielen ruhigstellt. Gewiss, Wahlen sind kein Intelligenztest, und doch: Noch nie in der Geschichte hatten wir es mit einer derart hohen Zahl von Menschen zu tun, die lesen können und es auch tun, die sich aus der Fülle der verfügbaren Informationen zu bedienen wissen und die nicht mehr alles glauben, was ihnen die medialen und politischen Eliten vorsetzen.
Das «Volk», das sind nicht nur, aber vor allem, die Steuerzahler, dabei im Besonderen jene, die nicht zu den Staatsabhängigen gehören und die man, sosehr sich ihre Zahl in den letzten Jahrzehnten verringert haben mag, noch immer braucht, um byzantinische Inszenierungen zu finanzieren. Sie zu ignorieren, ist gefährlich. Ihren Leu zu wecken ebenfalls. Wer wissen will, wie die wachsende Kluft zwischen dem arbeitenden Volk und der abgehobenen Elite im schlimmsten Fall endet, dem seien Suzanne Collins‘ «Tribute von Panem» empfohlen. Das Volk weiß zu viel, als dass es sich noch lange mit Brot und Spielen abspeisen ließe.

Zuerst in der Neuen Zürcher Zeitung.


Mittwoch, 26. Oktober 2016

Warum ich gern ein Landei bin

Nach dreissig Jahren Frankfurt am Main habe ich meine Wochenendliaison mit einem schäbigen Häuschen in einem winzigen Dorf im Vogelsberg in Oberhessen in eine dauerhafte Beziehung verwandelt und bedaure das seit sechzehn Jahren an keinem einzigen Tag. Mir fehlt die Stadt nicht, ich besuche die eine oder andere regelmässig und freue mich, wenn ich wieder zu Hause bin. Mit siebzehn wollte ich nichts wie weg vom Land. Heute möchte ich nicht mehr zurück in die Stadt.
Im Laufe der Jahre habe ich sicher sämtliche Fehler begangen, die man als Zugezogene so begehen kann, einiges ist mir hoffentlich mittlerweile verziehen worden. Ich beanspruche nicht, dazuzugehören. Meine Nachbarn und ich: Wir haben uns aneinander gewöhnt.
Seit ich mein Dorf kenne, seit mittlerweile 34 Jahren, nehme ich wahr, wie es sich verändert. Als Erstes verschwanden die Milchkühe und die damit verbundenen Geräusche: das «Aaauf», wenn sie morgens auf die Wiese und abends in den Stall getrieben wurden, das Klatschen der Fladen auf dem Asphalt, ein Klang wie zerberstende Äpfel. Seit ein paar Jahren krähen morgens keine Hähne mehr; ich vermisse sie und die frischen Eier vom Nachbarn. Den Gestank und das Geschrei aus dem alten Schweinestall gegenüber vermisse ich nicht; seit ein paar Jahren steht die Scheune leer, und der Duft meiner Rosen kann sich endlich durchsetzen. Die moderne Schweinemastanlage am Dorfende riecht nicht.
Seit dreizehn Jahren ist das Haus an die Kanalisation angeschlossen, seitdem gibt es ein paar Kilometer weg eine Kläranlage, das ist schön, aber teuer. Wer beizeiten Solaranlagen auf sein Scheunendach gelegt hat, war gut beraten, wir anderen denken beim Anblick der vielen Windkraftanlagen, die den Vogelsberg umspannen, an steigende Energiekosten bei sinkenden Renten. Sollte mein Dorf aussterben, wird die Sache für die Überlebenden teuer. Die Menschen hier werden überwiegend steinalt.
Doch meine Nachbarn haben für Kinder gesorgt, die mittlere Generation ist geblieben, und vielleicht bleiben auch deren Kinder. Es hat sich herumgesprochen, dass ein Studium in der Stadt nicht empfehlenswert ist, wenn man bald sein eigenes Geld verdienen will.
Was ich vermisse, sind die Freunde; von uns Landbewohnern wird erwartet, dass wir in die Stadt fahren, um sie zu treffen. Zu mir wagt sich nur selten ein Anhänger öffentlicher Verkehrsmittel.
Dabei liegt «Leben auf dem Land» voll im Trend. Magazine wie «Landlust» und «Landliebe» appellieren mit anhaltendem Erfolg an die Sehnsucht der Stadtbewohner nach farbenprächtiger ländlicher Idylle. Zwei dickleibige Romane, in denen es ebenfalls ums Landleben geht, halten sich seit Monaten auf den vordersten Rängen der deutschen Bestsellerlisten, «Altes Land» von Dörte Hansen und «Unterleuten» von Juli Zeh, das eine spielt im Apfelanbaugebiet nahe Hamburg, in Westdeutschland also, das andere in einem Dorf in Brandenburg, ehemals Teil der DDR.
Doch im Unterschied zur Farbbildidylle sind beide Romane realistisch, insofern es in ihnen eben nicht idyllisch zugeht. Insbesondere «Unterleuten» ist zuweilen harte Kost. Das Buch sollte jedem in die Hand gedrückt werden, der sein Glück auf dem Land oder «zurück zur Natur» sucht, etwa weil er zwei andere Bestseller von der Sachbuchliste gelesen hat: "Das geheime Leben der Bäume" und «Das Seelenleben der Tiere» von Peter Wohlleben. Nein, Idylle ist nicht. «Unterleuten» zeigt, woran man scheitern kann, wenn man die Gesetze des Dorfs und ihre eigentümliche Unerbittlichkeit nicht versteht. Zugleich ist der Roman eine Elegie auf das Ende der dörflichen Existenz, die, wenn überhaupt, erst in anderer Form wiederauferstehen wird. Ich behaupte einmal: Genau das geschieht soeben.
Trendumkehr: In Deutschland verlieren die grossen Städte wie Köln, Frankfurt, Berlin oder Hamburg seit über zehn Jahren an Attraktivität – für Inländer. Viele ziehen fort, weniger ziehen zu. Die Gründe sind vielfältig, der Wohnungsmarkt ist einer davon. Wachstum verdanken die Städte nur noch Zuwanderern aus dem Ausland, verstärkt mit der Masseneinwanderung seit 2015. Die meisten der Hinzugekommenen zieht es dorthin, wo bereits ihresgleichen wohnt. Ganze Stadtviertel sind mittlerweile nicht mehr bunt, also gemischt, sondern türkisch oder arabisch geprägt, mancherorts droht die Entwicklung hin zur No-go-Area für Polizei und für Frauen. Eingeborenen mit mittlerem und unterem Einkommen macht es die neue Konkurrenz noch schwerer, preiswerten Wohnraum zu finden.
Das ist einer der Gründe für die Trendumkehr. Ein anderer sind die zunehmend verödeten Innenstädte. Sicher, Restaurants, Museen, Klubs und Kinos, manchmal gibt es sogar noch ein wenig Altstadt dazu – das hat ein Dorf nicht zu bieten. Sonst aber trifft der städtische Flaneur in der City kaum noch auf Überraschungen zwischen all den Telefonläden und Geschäften mit Billigklamotten, den Bäckereien und Fast-Food-Shops. Und dafür soll ein auswärtiger Besucher auch noch die meist horrenden Parkgebühren zahlen? Städte wie Frankfurt am Main tun alles, um Autofahrer fernzuhalten, ohne Rücksicht auf die letzten Reste anspruchsvollen Einzelhandels. Als ob die Luft in einer Stadt so rein sein müsste wie draussen in der freien Natur. Wozu dann noch Stadt?
Der potenzielle Kunde aber, der schon kein «Einkaufserlebnis» oder auch nur freundliches Personal erwarten darf, wird den Deubel tun und auch noch Lösegeld für sein Transportmittel bezahlen, wenn er, was er begehrt, billiger und einfacher und mit grösstmöglicher Auswahl im Internet bestellen kann. Die Folge: Lieferwagen parkieren nicht mehr nur morgens in der zweiten oder der dritten Reihe.
Was also spricht noch für das Leben in der Stadt? Das Theater hat sich selbst abgeschafft. In den Museen trifft man vorwiegend Touristen. Und die moderne Architektur hat dafür gesorgt, dass öffentliche Räume wie geschlossene Anstalten wirken. Also raus aus der Stadt, weil auf dem Land Wohnraum noch bezahlbar ist, das Kino Netflix heisst und Shoppen per Hermes läuft? In der Tat: Das ist ein schwaches Argument und überzeugt keinen «Stadtluft macht frei»-Jünger.
Der metropolitane Mensch hält Landeier für verhockt und glaubt im Übrigen, dass für die Natur am besten gesorgt ist, wenn man die sauren Wiesen da draussen mit Windrädern, Biogasanlagen und Mülldeponien zustellt, damit man in den Büros und Kaufhäusern der Stadt auch im Winter ärmellos gehen kann und es im Sommer schön kühl hat. Jahreszeiten sind von gestern. Warum nur erinnert mich das an Suzanne Collins‘ «Tribute von Panem», eine Dystopie, in der die dekadente städtische Elite sich auf Kosten der hart arbeitenden Landbevölkerung einen Lenz macht? Die Sache ging bekanntlich nicht gut aus.
Doch falsch ist das nicht, dass Stadtluft frei macht, dass man anonym bleiben und gehen kann, wenn einem etwas nicht passt – die Option Exit. Auf dem Land ist die Nähe und damit auch die soziale Kontrolle grösser, da heisst es bleiben und standhalten. Beide Lebensmodelle haben ihre Vor- und Nachteile. In Zeiten sozialer Verwerfungen, wie wir sie derzeit erleben, neigt sich die Waage in Richtung Kontrolle, was nicht nur Drogendealern das Leben schwermacht. Auch das mag ein Grund sein, die Stadt zu verlassen.
Solange es Autos und den Zugang zum Internet gibt, ist das Leben auf dem Land zumal für Schriftsteller ein privilegierter Ort. Und ohne? Daran mag ich gar nicht denken. Immerhin gibt es dann noch einen Garten, den man bestellen, und Holz, das man hacken muss. Und Sonnenuntergänge. Felder, Wiesen, Wälder, Bäche. Bauerngärten, Obstwiesen, grasende Rinderfamilien, Schaf- und Ziegenherden. Einsame Reiter auf ihren Rosinanten. Und, solange es noch Landwirtschaft gibt: dampfende Maschinen, die zur Erntezeit durchs Dorf stampfen, Katzen im Heu, duftende Holzfeuer. Zur Dorfkirmes mit den singenden Zwitschersisters muss man ja nicht gehen.
Gegen ein bisschen Idylle ist ja im Grunde auch nichts einzuwenden. Es gibt zu jedem Trend eine Trendumkehr. Nachdem der Trend eine Weile die Menschen Richtung Stadt gewiesen hat, zeigt er jetzt zurück aufs Land. Nicht das erste Mal, im Übrigen. Dort, wo ein grosser Teil meiner Familie wohnt, in der Ardèche, am Rande der Cevennen, lebt die ländliche Kultur fort – ausgerechnet durch die Aussteiger, die in den Siebzigern in die Gegend zogen, um mit blutenden Händen aus überwucherten Geröllhalden wieder Steinhäuser zu errichten. Noch kurz zuvor besang Jean Ferrat das Drama der Landflucht: Obwohl die Berge bei Antraigues von magischer Schönheit sind, gehen die Jungen in die Stadt – ins Kino und Richtung Plastikmöbel.
Einige aber kehrten zurück. So war es immer, und so wird es wieder geschehen.